Glatirameracetat (CopaxoneŽ)

Glatirameracetat (GA) ist ein synthetisch hergestelltes Oligopeptid aus den 4 Aminosäuren L Glutaminsäure, L-Lysin, L-Alanin und L-Tyrosin in zufälliger Mischungsreihenfolge und unterschiedlicher Größe. Die immunmodulierende Wirkung von GA beruht wahrscheinlich auf verschiedenen Mechanismen: Einfluss auf Antigenpräsentation, T-Zelldifferenzierung und Induktion von antiinflammatorisch wirkenden Th 2-polarisierten GA-reaktiven T-Zellen (Farina et al. 2005, Weber et al. 2007). Auch wurden in vitro und im Tiermodell die Produktion und Freisetzung in situ neurotroper Faktoren (z. B. BDNF) in T-Lymphozyten nach GA nachgewiesen. Diese Befunde einer neuroprotektiven Wirkung lassen sich aber mit den derzeit zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden noch nicht auf den Menschen übertragen.

Ein signifikanter Effekt von GA auf die Reduktion der Schübe zeigte sich auch in einer großen plazebokontrollierten Zulassungsstudie (Comi et al. 2001b). In der Extensionsphase der dann offenen Beobachtung war der frühere Therapiebeginn einer später einsetzenden Behandlung überlegen (Johnson et al. 2000). In einer weiteren Studie fand sich dann auch eine Reduktion entzündlicher Läsionen in der Kernspintomographie (Comi et al. 2001b). Anhand der vorliegenden Studien kann Copaxone® daher ebenfalls als Basistherapie der ersten Wahl bei der schubförmigen MS angesehen werden (Wolinsky 2004).

Der Vergleich der IFN-β- und GA-Wirkung hat in den letzten Jahren vielfältige Diskussionen angeregt. Mittlerweile wurden auf Kongressen zwei Studien mit Klasse-I-Evidenz vorgestellt (REGARD, Sponsor Merck Serono; BEYOND, Sponsor Bayer Schering), die eine Gleichwertigkeit von GA mit Rebif 44 Mikrogramm bzw. Betaferon in den primären Zielparametern belegen. Die endgültigen Publikationen werden 2008 erwartet. Auf dem Jahreskongress 2008 der American Academy of Neurology wurden auch die Frühtherapieergebnisse bei Gabe von GA nach dem ersten Schub (PreCISe-Studie) präsentiert. Sie zeigen, dass durch diese Therapie – ähnlich den Ergebnissen der IFN-β-Frühtherapie – der zweite Schub und damit die definitive MS-Diagnose im Mittel um ein Jahr verzögert wird. Eine laufende Studie vergleicht die Wirkung der zugelassenen Dosis von 20 mg GA mit 40 mg GA pro Tag.

Insgesamt ist GA bei täglicher Injektion gut verträglich, jedoch werden lokale Reizungen an der Injektionsstelle und subkutane Indurationen beobachtet. Entsprechende Vorsichtsmaßnahmen wie saubere und sicher subkutane Injektionstechnik sowie Vermeidung von Gefäßverletzungen sollten beachtet werden. Selten tritt eine sog.  „systemische Postinjektionsreaktion“ mit Luftnot und Herzrasen auf, die aber innerhalb von 30 Sekunden bis 30 Minuten spontan sistiert. Auch Lymphknotenschwellungen und Lipoatrophien an den Injektionsstellen wurden beschrieben (Wolinsky et al. 2004). Das Auftreten von Antikörpern gegen GA hat nach bisher vorliegenden Erkenntnissen
keinen Einfluss auf die Wirksamkeit (Brenner et al. 2001). Anhand der bisherigen Studienlage ergeben sich keine Hinweise für eine Wirksamkeit von Copaxone beim primär progredienten Krankheitsverlauf  oder bei oraler Applikation dieser Substanz (Filippi et al. 2006, Wolinsky et al. 2007).

Quelle: Leitlinien der DGN 2008