Cladribin kann oligoklonale Banden im Liquor reduzieren

20. April 2020 | Kategorie: Nachrichten zu Medikamenten

Eine Fach-Pressemitteilung von Merck

  • Cladribin kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und wirkt daher auch im ZNS
  • Keine neuen Sicherheitssignale im 4. Periodic Benefit Risk Evaluation Report (PBER)
  • Bei Infektionsgefahr kann Behandlung mit Cladribin-Tabletten in Jahr 2 bis zu 6 Monate verschoben werden

Darmstadt, 20. April 2020 – Merck, ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen, informierte beim Webinar NeuroLive über aktuelle Entwicklungen im Bereich Multiple Sklerose (MS). Professor Dr. Hans-Peter Hartung (Düsseldorf) erläuterte die zunehmende Bedeutung der oligoklonalen Banden (OKB) zur Diagnose und Prognose von MS. Da sie sensitiver auf die intrathekale Antikörper-Produktion reagieren als z. B. der IgG-Index, können OKB bei primär progredienter MS (PPMS) und klinisch isoliertem Syndrom (CIS) die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen erleichtern. OKB können bei CIS als Nachweis für eine zeitliche Dissemination genutzt werden.1 „Bei CIS ist der OKB-Nachweis auch von prognostischer Relevanz – und zwar für einen schweren Verlauf mit Behinderungsprogression“, erklärte Hartung. Cladribin kann bei Patienten mit chronisch-progredienter MS die OKB nachhaltig reduzieren oder stabilisieren.2,3 Denn Cladribin ist einer der wenigen Wirkstoffe in der MS-Therapie, der die Blut-Hirn-Schranke überwinden und so im Liquor wirken kann.4 Die Untersuchungen wurden mit einer parenteralen Gabe von Cladribin durchgeführt.2,3 Cladribin-Tabletten sind bei hochaktiver schubförmiger Multipler Sklerose zugelassen.5

Impulstherapie: 20 Tage Einnahme, 4 Jahre Wirkung

Cladribin-Tabletten werden als Impulstherapie – im Gegensatz zu einer Dauertherapie – nur während maximal zwei zehntägigen Einnahmephasen im ersten und zweiten Behandlungsjahr eingenommen, mit einem langfristigen Therapieeffekt von bis zu 4 Jahren. Die langanhaltende Wirksamkeit basiert auf der selektiven Reduktion und Rekonstitution autoreaktiver T- und B-Zellen. Dies führt zu einem nachhaltig anti-inflammatorischen Lymphozytenmuster, wobei das angeborene Immunsystem in seiner Funktion nicht beeinträchtigt wird. Die Abwehr von bakteriellen und viralen Infekten bleibt weitgehend bestehen, da Cladribin-Tabletten nur geringfügig auf Makrophagen, Neutrophile, Plasmazellen und moderat auf CD4+ als auch CD8+ T-Zellen wirken. In allen vier Periodic Benefit Risk Evaluation Reports (PBRER) an die europäische Arzneimittelagentur (EMA), die sowohl die Sicherheit als auch den Nutzen eines Medikaments beurteilen, wurden keine neuen Sicherheitssignale festgestellt und der Nutzen von Cladribin-Tabletten wurde weiterhin positiv bewertet.6–12

Impuls- und Dauertherapien bei Covid-19

Bei Infektionsgefahr können Impulstherapien verschoben werden. Der Beginn der Behandlung kann bei Cladribin-Tabletten im zweiten Jahr um bis zu sechs Monate hinausgezögert werden.5 Professor Dr. Gereon Nelles (Köln) empfiehlt in der aktuellen Situation: „Es sollte das individuelle Infektionsrisiko abgewogen werden. Bei Risikopatienten – mit Begleiterkrankungen wie COPD oder andere, das Immunsystem schwächende Erkrankungen – kann der Therapiestart oder die erneute Gabe verschoben werden, bis bessere Daten zum Risiko einer COVID-19 Infektion oder Erkrankung bei depletierenden Immuntherapien vorliegen. Grundsätzlich kann aber auch in der aktuellen Situation eine Therapie mit Mavenclad begonnen und fortgesetzt werden.“ Wenn nötig, eigne sich z. B. Interferon beta-1a (Rebif®) als Überbrückungstherapie sehr gut: Es besitzt einen schnellen Wirkeintritt sowie eine gute Langzeit-Wirksamkeit und -Sicherheit. Die Therapie mit Rebif kann jederzeit begonnen und auch bei einer zwischenzeitlichen Infektion weitergeführt werden.13–15 Wichtig sei aber grundsätzlich, mit den Patientinnen und Patienten rechtzeitig zu besprechen, wie das Infektionsrisiko gesenkt werden kann – nicht nur in Zeiten von Covid-19.

Über MAVENCLAD®

MAVENCLAD® (Cladribin-Tabletten) ist eine orale Kurzzeittherapie, die selektiv und periodisch auf Lymphozyten abzielt, die maßgeblich am Krankheitsgeschehen von Multipler Sklerose (MS) beteiligt sein sollen. Im August 2017 erteilte die Europäische Kommission (EC) in den 28 Ländern der Europäischen Union und in Island, Liechtenstein und Norwegen die Marktzulassung für MAVENCLAD® für die Behandlung von hochaktiver schubförmiger Multipler Sklerose (RMS). MAVENCLAD® wurde seitdem in mehr als 50 Ländern zugelassen, darunter Kanada und Australien sowie zuletzt in den USA im März 2019.
Das klinische Entwicklungsprogramm zu Cladribin-Tabletten umfasst folgende Studien:

  • CLARITY (Cladribine Tablets Treating MS Orally): 2-jährige placebokontrollierte Phase-III-Studie zur Untersuchung der Wirksamkeit und Sicherheit von Cladribin-Tabletten als Monotherapie bei Patienten mit schubförmig-remittierender MS.
  • CLARITY Ext: Placebokontrollierte Erweiterungsstudie der Phase III zur 2-jährigen CLARITY-Studie. Untersucht wurden Sicherheit und explorative Wirksamkeit von Cladribin-Tabletten gemäß dem Verabreichungsschema für die Behandlungsjahre 3 und 4.
  • ORACLE MS (Oral Cladribine in Early MS): 2-jährige placebokontrollierte Phase-III-Studie zur Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit von Cladribin-Tabletten als Monotherapie bei Patienten mit Risiko für die Entwicklung von MS (Patienten, bei denen ein erstes klinisches Ereignis auf MS hinweist).
  • ONWARD (Oral Cladribine Added ON to Interferon beta-1a in Patients With Active Relapsing Disease): Placebokontrollierte Phase-II-Studie primär zur Bewertung der Sicherheit und Verträglichkeit von Cladribin-Tabletten als Zusatztherapie bei Patienten mit schubförmiger MS, bei denen während der etablierten Behandlung mit Interferon beta ein aktiver Schub stattgefunden hat.
  • PREMIERE (Prospective Observational Long-term Safety Registry of Multiple Sclerosis): Langzeitnachbeobachtung aus dem Sicherheitsregister zu Patienten mit MS, die an klinischen Studien mit Cladribin-Tabletten teilgenommen haben.

In der zweijährigen CLARITY-Studie wurde bei Patienten, die mit Cladribin-Tabletten behandelt wurden, als häufigstes unerwünschtes Ereignis (UE) Lymphopenie angegeben (26,7 % unter Cladribin-Tabletten und 1,8 % unter Placebo). Die Inzidenz von Infektionen lag bei 48,3 % unter Behandlung mit Cladribin-Tabletten und 42,5 % unter Placebo, wobei 99,1 % bzw. 99,0 % von den Prüfärzten als leicht bis mäßig schwer bewertet wurden. In den anderen klinischen Studien traten ähnliche unerwünschte Ereignisse auf.

Über Rebif®

Rebif® (Interferon beta-1a) ist ein krankheitsmodifizierendes Medikament zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS). Es ähnelt dem körpereigenen Interferon-beta-Protein. Die Wirksamkeit von Rebif® bei chronisch progredienter MS ist nicht nachgewiesen. Man nimmt an, dass Interferon beta an der Verringerung von Entzündungen beteiligt ist. Der genaue Mechanismus ist unbekannt.
Rebif® wurde 1998 in Europa und 2002 in den USA zugelassen und ist in mehr als 90 Ländern weltweit registriert. Rebif® reduziert nachweislich Krankheitsprogression, Schubrate sowie Ausdehnung und Aktivität der mittels Magnetresonanztomografie sichtbaren Läsionen.
Rebif® kann mit dem elektronischen Autoinjektor RebiSmart® verabreicht werden (nicht zugelassen in den USA) oder dem Einweg-Pen RebiDose®. Für die manuelle Injektion steht der Pen RebiSlide™ mit Mehrfachdosen zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es den Autoinjektor Rebiject II® sowie gebrauchsfertige vorgefüllte Spritzen für die manuelle Injektion. Diese Injektionshilfen sind nicht in allen Ländern zugelassen.
Im Januar 2012 genehmigte die Europäische Kommission die Indikationserweiterung von Rebif® zur Anwendung bei Multipler Sklerose im Frühstadium. Diese Indikationserweiterung für Rebif® ist in den USA nicht beantragt worden.
Bei Patienten mit vorangegangenen Depressionen, Lebererkrankungen, Funktionsstörungen der Schilddrüse und Krampfanfällen sollte Rebif® mit Vorsicht angewendet werden. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören grippeähnliche Symptome, Reaktionen an der Einstichstelle, Erhöhung der Leberenzymwerte und Anomalien des Blutbilds. Patienten, vor allem Personen mit Depressionen, Krampfanfällen oder Leberfunktionsstörungen, sollten mit ihrem Arzt besprechen, ob Rebif® das geeignete Medikament für sie ist.

Über Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und die häufigste, nicht traumatische, zu Invalidität führende neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen. Schätzungen zufolge sind weltweit circa 2,3 Millionen Menschen an MS erkrankt. Die Symptome können unterschiedlich sein, wobei vor allem Sehtrübung, Taubheit oder Kribbeln in den Gliedmaßen sowie Kraftlosigkeit und Koordinationsprobleme auftreten. Am weitesten verbreitet ist die schubförmig verlaufende MS.

Über Merck

Merck, ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen, ist in den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials tätig. Rund 57.000 Mitarbeiter arbeiten daran, im Leben von Millionen von Menschen täglich einen entscheidenden Unterschied für eine lebenswertere Zukunft zu machen: Von der Entwicklung präziser Technologien zur Genom-Editierung über die Entdeckung einzigartiger Wege zur Behandlung von Krankheiten bis zur Bereitstellung von Anwendungen für intelligente Geräte – Merck ist überall. 2019 erwirtschaftete Merck in 66 Ländern einen Umsatz von 16,2 Milliarden Euro.
Wissenschaftliche Forschung und verantwortungsvolles Unternehmertum sind für den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt von Merck entscheidend. Dieser Grundsatz gilt seit der Gründung 1668. Die Gründerfamilie ist bis heute Mehrheitseigentümer des börsennotierten Konzerns. Merck hält die globalen Rechte am Namen und der Marke Merck. Die einzigen Ausnahmen sind die USA und Kanada, wo die Unternehmensbereiche als EMD Serono, MilliporeSigma und EMD Performance Materials auftreten.

Weitere Informationen finden Sie unter www.merckgroup.com

  1. Thompson et al. Lancet Neurol.2018;17(2):162-173
  2. Pryce & Baker Mult Scler Relat Disord.2018;25:131-137
  3. Rejdak et al. Mult Scler Relat Disord.2019;27:117-120
  4. Liliemark J. Clin Pharmacokinet 1997;32:120-131
  5. Fachinformation MAVENCLAD®, aktueller Stand
  6. Comi G et al. Mult Scler Relat Disord.2019;29:168-74
  7. Cook S et al. Multipl Scler Rel Dis. 2019;29:157-167
  8. Cook S et al. ECTRIMS 2019 [P1390] 9. EMA/PRAC/1092/2020 Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) Procedure no.: EMEA/H/C/PSUSA/00010634/201907, Seiten 1-5
  9. Baker D et al. Mult Scler Rel Dis.2019;30:176-186
  10. Baker D et al. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm.2017;4(4):e360
  11. Sorensen PS et al. ACTRIMS 2018 [P084]
  12. Fachinformation Rebif®, aktueller Stand
  13. De Stefano N, et al. J Neurol Sci. 2012;312:97–101
  14. Kappos L, et al. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2015;86:1202–1207

Quelle: Merck, Darmstadt

Autor / Online gestellt: CWF

Hinweis:


Die Vielzahl der MS-Medikamente macht es Betroffenen schwer, den Überblick über die infrage kommenden Medikamente zu erlangen. Daher heißt das Editorial auch überspitzt: Blicken Sie noch durch? – Eine Hilfe für MS-Patienten

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Keinesfalls stellt diese Website einen medizinischen Rat oder eine Therapie-Empfehlung dar! Als Apotheker möchte ich die ärztliche Verschreibung bereichern und ergänzen. Generell kommt der Apotheker dem Informationsbedürfnis des Patienten gerne nach. Die Information kann in der Apotheke erfolgen, oder aber auch – wie hier – im Internet.

 

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