Impfungen unter Teriflunomid

1. Juni 2021 | Kategorie: Corona COVID-19

Adäquate Immunantworten

Das Thema Impfen hat durch die Corona-Pandemie neue Aktualität erhalten. Auch viele Menschen mit Multipler Sklerose machen sich derzeit Gedanken um ihren Impfschutz. Dass unter Teriflunomid (Aubagio®) Impfungen mit adäquater Immunantwort möglich sind, zeigen Studien (1, 2). Es gibt für den Wirkstoff zudem Hinweise auf antivirale Effekte (3, 4, 5), wie bei der Online-Fortbildungsveranstaltung MScience.MShift dargestellt wurde. Aktuelle Befunde deuten sogar eine tendenzielle Reduktion des Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19-Infektion unter Teriflunomid an (6).

Kein erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber Placebo

Bei Teriflunomid handelt es sich um einen selektiven und reversiblen Inhibitor des Enzyms Dihydroorotat-Dehydrogenase (DHODH), einem mitochondrialen Schlüsselenzym in der de novo-Pyrimidin-Synthese (7), berichtete Dr. Melanie Eschborn, Münster.

Das MS-Therapeutikum hat einen selektiven Effekt auf verschiedene T-Zell-Populationen. Es hemmt vor allem die Proliferation hochaffiner T-Zellen. Diese besitzen laut Eschborn eine gesteigerte metabolische Aktivität. Ihre Hemmung kann wahrscheinlich die klinische Wirksamkeit von Teriflunomid und dessen günstiges Sicherheitsprofil erklären. So reduziert Teriflunomid über diesen Mechanismus den Anteil proinflammatorischer T-Zellen und steigert demgegenüber den Anteil induzierter regulatorischer T-Zellen (8).

Wie Studien zeigen, senkt Teriflunomid die mittleren Lymphozyten- und Neutrophilenzahlen, wobei die Werte jedoch im Allgemeinen im Normbereich bleiben (9). „Es gibt unter Teriflunomid kein erhöhtes Infektionsrisiko im Vergleich zu Placebo“, so Eschborn. „Die Infektionsraten sind zudem bei Patienten mit und ohne Lymphopenie vergleichbar“ (9, 10).

Immunantwort bleibt erhalten

Es resultieren außerdem adäquate Immunantworten nach einer Impfung. So wurde nach Eschborn in einer Studie zur Grippeschutzimpfung gezeigt, dass mehr als 90% der MS-Patienten unter Teriflunomid oder einem Interferon-Präparat Antikörpertiter von mindestens 40 für H1N1 sowie B-Erreger erreichen (1). Für H3N2 war der Anteil der Patienten mit einem Titer von mindestens 40 etwas geringer. Die Immunantwort war aber in allen Bereichen ausreichend entsprechend den Vorgaben der Europäischen Leitlinie für Grippeschutzimpfungen im Alter von 18 bis 60 Jahren (1).

Es wurde in Studien ferner dokumentiert, dass bei der Impfung mit einem inaktiven Impfstoff gegen Tollwut unter Teriflunomid ebenfalls eine gute Immunantwort auf Neoantigene wie auch auf Recall-Antigene erwirkt wird (2), so dass offenbar weder eine Beeinträchtigung der humoralen noch der zellulären Immunität besteht.

Gute Wirksamkeit bei allen Altersgruppen 

Dass unter Teriflunomid eine klinische Wirksamkeit mit einem konsistent günstigen Sicherheitsprofil einhergeht, belegen klinische Studien wie auch Real World-Studien. Als Beispiel führten Dr. Boris Kallmann, Bamberg, und Prof. Dr. Andrew Chan, Bern, die nicht interventionelle 2-jährige Studie TAURUS-MS I an (11). In dieser Studie wurde unter Teriflunomid in allen Altersklassen eine signifikante Reduktion der jährlichen Schubrate nach 12 Monaten im Vergleich zu den 12 Monaten vor Baseline erwirkt und es resultierte ebenfalls über alle Altersklassen ein stabiler EDSS-Wert (Expanded Disability Status Scale) über 2 Jahre (13).

Aufgrund der insgesamt günstigen Erfahrungen mit dem Wirkstoff wurde laut Kallmann und Chan jüngst in einem CHMP-Votum der europäischen Zulassungsbehörde EMA die Zulassungserweiterung von Teriflunomid auch für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen ab 10 Jahren empfohlen (14).

Gute Verträglichkeit, hohe Behandlungszufriedenheit

Die Verträglichkeit war nach Kallmann insgesamt gut. Zwar traten etwas häufiger Nebenwirkungen bei älteren Patienten auf. Die Rate schwerer Nebenwirkungen und auch die Rate von Infektionen jeglicher Art war jedoch bei älteren Studienteilnehmern nicht erhöht (13).  

Als häufigste Nebenwirkungen unter Teriflunomid werden generell eine leichte Erhöhung des ALT-Werts beschrieben, eine meist reversibel verminderte Haardichte sowie Kopfschmerzen, Übelkeit und Diarrhoen (7). Die meisten unerwünschten Wirkungen sind mild bis moderat ausgeprägt und bilden sich in aller Regel unter der Therapie zurück. Sie führen nur selten zum Therapieabbruch (9). „Wir haben mit Teriflunomid somit eine gute Therapieoption auch bei älteren Patienten mit Multipler Sklerose“, so Kallmann.

Die TAURUS-MS I-Studie belegte nach Angaben der Referenten zudem eine hohe Behandlungszufriedenheit der Patienten bei einem Wechsel von Interferon beta-1A auf Teriflunomid (12). „Bei Teriflunomid handelt es sich somit um eine bei der MS effektive und allgemein gut verträgliche Therapieoption mit potenziell breitem Anwendungsbereich und allgemein guter Akzeptanz durch die Patienten“, betonte Prof. Dr. Ralf Gold, Bochum, als einer der Chairmen der Veranstaltung.

Literatur:

(1) Bar-Or A et al., Neurology 2013; 81 (6): 552–558.
(2) Bar-Or A et al., Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2015; 2 (2): e70.
(3) Bar-Or A et al., Drugs 2014; 74: 659-674.
(4) Cherwinski H et al., J Pharmacol Exp Ther 1995; 272: 460-468.
(5) Bilger A et al., Oncotarget 2017; 8 (27): 44266-44280.
(6) Sormani MP et al., Neurology Apr 2021, 96 (15 Supplement).
(7) Fachinformation AUBAGIO®, Stand: Januar 2021.
(8) Klotz L et al., Sci Transl Med 2019; 11 (490): eaao5563.
(9) Comi G et al., Mult Scler Relat Disord 2016; 5: 97-104.
(10) Comi G et al., Mult Scler 2020, 26:1083–1092.
(11) Kallmann BA et al., Ther Adv Neurol Dis 2019; 12: 1756286419835077.
(12) Vermersch P et al., Mult Scler J 2018;24(S2):328–529, P885.
(13) Kallmann B, Ries S, Kullmann J, Quint L, Engelmann U, and Chan A; Teriflunomide in Relapsing Remitting Multiple Sclerosis Outcomes by Age and Pre-treatment Status; Therapeutic Advances in Neurological Disorders; in press.
(14) https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/summaries-opinion/aubagio (letzter Zugriff: 12.05.2021).

Quelle: Sanofi

Hinweis:


Die Vielzahl der MS-Medikamente macht es Betroffenen schwer, den Überblick über die infrage kommenden Medikamente zu erlangen. Daher heißt das Editorial auch überspitzt: Blicken Sie noch durch? – Eine Hilfe für MS-Patienten

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