Stellungnahme der DMSG warnt vor verfrühter Euphorie: Neuer MS-Therapieansatz muss noch wissenschaftlich geprüft werden

14. April 2022 | Kategorie: Medien - Für Sie gelesen

Die Meldung der Bild-Zeitung über mögliche Therapie-Hoffnungen einer zellulären Immunbehandlung gegen das Epstein Barr Virus bei der Progredienten Multiple Sklerose haben sehr viel Interesse hervorgerufen. Die Firma Atara hat berichtet, dass in einer nicht geblindeten Phase I-Studie ohne Kontrollgruppe bei circa 80 Prozent der Studienteilnehmer (insgesamt 24 Patienten) die Krankheit deutlich gebessert werden konnte und auch MRT-Verlaufskontrollen dies unterstützen würden. Der Vorsitzende des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. Prof. Dr. med. Ralf Gold mahnt zur Vorsicht. Die Wirkung sei jetzt in Phase II-Studien nachzuweisen. Der Ansatz von Atara Biotherapeutics basiert auf den zu Jahresbeginn veröffentlichten Daten, die eine Infektion mit dem Epstein Barr Virus (EBV) mit einer 30-fachen Risikoerhöhung für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose verbinden, und zusätzlich mechanistische Erklärungen liefern.

Beim Menschen nisten sich bestimmte Bestandteile des Epstein Barr Virus in Immunzellen, vor allem den B-Lymphozyten, ein und bleiben dort wahrscheinlich lebenslang erhalten. Da das EBV neben der Multiplen Sklerose auch bei verschiedenen Blut-Krebserkrankungen eine Rolle spielt, wurde schon seit mehr als 50 Jahren erfolglos versucht, durch eine Impfung die menschliche Infektion durch EBV zu verhindern.

Offensichtlich zielt die Firma Atara nun darauf ab, dass infizierte Immunzellen durch den Einsatz von weißen Blutkörperchen aus Spendern (ATA188) aus dem Körper eliminiert werden, da ATA188 Oberflächenmerkmale EBV-infizierter Zellen erkennen könne. Weitere Details werden nicht genannt. Dies könnte, wenn es gelänge, ein deutlicher mechanistischer Fortschritt sowohl für die schubförmige Form als auch für die progrediente MS bedeuten: Bisher kann man nur spekulieren, welche immunologischen Folgen die Viruselimination haben könnte.

Allerdings muss man sich ins Bewusstsein rufen, dass nach dem heutigen Wissenschaftsverständnis noch kein EBV-assoziierter Zugang zu Mechanismen bei der chronischen Progredienz der Multiplen Sklerose beschrieben wurde. Allgemein anerkannt wird, dass eine Translokation, quasi Einnistung von Immunzellen wie Mikroglia und B-Zellen im chronisch entzündeten Gehirn, die Zerstörung der Markscheiden und Nervenfasern immunologisch vorantreiben.

Aus unserer Sicht ist eine zu große Hoffnung auf diesen postulierten Therapieansatz leider momentan noch nicht berechtigt, es müssen dringend so genannte Phase II-Studien mit verbundenen Laboruntersuchungen in modernem Studiendesign abgewartet werden.

Redaktion: DMSG-Bundesverband e.V. -14.04.2022

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